Tagebuch "Nachhilfestunden in Heimweh", 1972

Tagebuch „Nachhilfestunden in Heimweh“, 1972, 1

Tagebuch "Nachhilfestunden in Heimweh", 1972

Tagebuch „Nachhilfestunden in Heimweh“, 7.-8. Kapitel, begonnen in Tokio, 9.2.1972

Tokyo 9.II.72. Mittwoch

“Sehr geehrter Herr, Ihre Gattin ist auf dem Weg. Ich versuche jetzt Ihr Visum für Taipeh zu bekommen und rufe Sie an, sobald es geklappt hat.“

Diese Mitteilung fand ich um 10 h beim Portier vor, als die Leute, die mir das Ping-Golfset verkaufen wollten, gegangen waren. Ich kaufe Zeitungen und feuchten englischen Tabak und setze mich in’s Coffee-shop. Es fällt mir ein, dass es über 16 Jahre her sein muss, seit ich allein und nicht zum Arbeiten, eine Reise unternehme. “Ihre Gattin ist auf dem Weg.“ Der Satz will mir nicht aus dem Kopf. Er hätte ja auch schreiben können “Ihre Gattin ist gut abgereist“ oder “Planmässig abgeflogen“, wo die Deutschen doch so gern militärisch fomulieren. Auf dem Weg klingt so verdammt symbolisch. Auf welchem Weg? Tokyo – Bangkok – Frankfurt – Paris – Gstaad – Vence? Oder mit Abstecher Rom, d.h. in ein anderes Leben, in ein fremdes, viel weiter entferntes als die Distanz Tokyo – Vence?

Die dickliche Kellnerin, die den Cafee serviert hat mich erkannt: “You are movie-star I am your fan“. Ich kann es bei solchen Gelegenheiten nie unterlassen “Thank you“ zu sagen. Erstens weil mir nichts anderes einfällt und zweitens und […]

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[…] hauptsächlich, weil mir diese Antwort am besten höflich-freundliche Bescheidenheit zu documentieren scheint. Ursprünglich hatte ich diese hypothetische Antwort Amerikanischen Kollegen abgehört.

Wenn man ihnen nach einer gelungenen Aufnahme gratuliert, sagen sie oft mit entwaffnender Offenheit das Kompliment kassierend: Thank you. Period. Nichts weiter. Wie man sich beim Garderobier bedankt für’s Hose haltenWenn man deutsch-sprachigen Kollegen gratuliert haben Sie, als durchschauten sie die Lüge und unterstellten von vornherein, dass niemand so neidlos sein könne und ehrlich Glückwünsche austeilt, stets eine Entschuldigung parat.

“… mitten im letzten Satz ist mir der Schuh aufgegangen, aber ich hab’s dann überspielt!“ Dagegen Engländerinnen schürfen gern psychologisch:

“Glaubst Du, ich hab es richtig gebracht? Spürte man die Hassliebe, als ich das Glas mit beiden Händen umkrampfte?“ Und wenn man sie beruhigt, nehmen sie sich oft die Zeit ganz ruhig und konzentriert hinzuzufügen: “Du hättest die Szene mit mir probieren müssen“. Am meisten beeindruckt hat mich einmal Richard Burton, als er sich, damals noch verhältnissmäßig […]

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[…] unbekannt, nach 3-monatiger gemeinsamer Arbeit an “Bitter Victory“ im Nizzaer Studio Victorine, am letzten Tag von mir verabschiedete „Danke Curd. Und danke auch, weil ich viel von Dir gelernt habe“. Obwohl mir damals nur die ungewohnte Floskel auffiel, hat er mir später gestanden, viele Jahre später als er mit Liz Taylor uns nach einer Gala-Premiere von “Widerspenstigen“ in der Pariser Oper, in ihr Appartement im Plaza Ath[é]née eingeladen hatten, morgens nach endlosen Whiskies, dass er es damals ernst meinte. Nur hatte er es mehr auf meine Lebensgewohnheiten bezogen als auf meine schauspielerische Leistung. Auf die Parties, die ich in ’Canzon[e] [verm. gemeint ist „Casszoun] del mar’ gab, auf die Mädchen, die immer da waren, wenn man sie brauchte, “Jahrelang habe ich Dich als Vorbild genommen, Curd, jetzt habe ich Dich überflügelt“. Ja das ist wahr. Das hat er. Aber wenn ich es mit Bitterkeit zugebe, so ist kein Neid dabei. Es ist nur ein Baustein (?) mehr in dem Puzzle, das ich zusammen setzen will, indem ich versuche mir zu erklären, warum ich jetzt hier alleine sitze

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